Zum Inhalt springen

Warum wir Kultursensibilität so dringend brauchen

I. Was ist überhaupt Kultursensibilität?

Um zu verstehen, warum Kultursensibilität für uns so wichtig ist, sollten wir zunächst klären, was dieser Begriff eigentlich bedeutet. Dazu lohnt sich eine sprachliche Annäherung an seine beiden Bestandteile Kultur und Sensibilität.

Kultur ist weit mehr als Nationalität. Kulturen sind im Grunde alle menschliche Gruppen, bei denen sich gemeinsame Normen, Werte und Handlungsmuster entwickeln. Es gibt Familienkulturen, regionale Kulturen, religiöse Kulturen, Geschlechterkulturen, Generationenkulturen, politische Kulturen, Bildungskulturen, soziale Milieus, Sprachkulturen und viele mehr.

Wir Menschen sind kulturell hybride Wesen. Im Laufe unseres Lebens nehmen wir an vielen verschiedenen Kulturen teil. Durch häufiges Zusammensein mit anderen Menschen übernehmen wir deren Denk- und Handlungsstrukturen – ein Prozess, den die Sozialpsychologie als soziales Lernen bezeichnet (Bandura Social Learning Theory). Familie, Freunde, Schule, Arbeitsumfeld: All diese Kontexte prägen uns. Unser Denken und Handeln ist zu einem großen Teil ein Produkt unserer Erfahrungen, unserer Sozialisationen, also unserer kulturellen Teilhaben.

Sensibilität bezeichnet unsere Empfindungsfähigkeit, das Gespür für etwas, die Fähigkeit, feine Nuancen wahrzunehmen.

Kultursensibilität bedeutet daher, sensibel für kulturelle Prägungen zu sein – die eigenen wie die anderer Menschen. Es ist ein Bewusstsein dafür, dass wir durch die Teilhabe an ganz unterschiedlichen kulturellen Gruppen unterschiedlich sozialisiert und geprägt sind. Vor allem aber umfasst Kultursensibilität einen bewussten und respektvollen Umgang mit unseren unterschiedlichen kulturellen Prägungen.

Denn Kultursensibilität ist die Überzeugung, dass unterschiedliche Denkweisen nicht nur ihre Berechtigung haben, sondern für gesunde Menschen und Gesellschaften essenziell sind – solange sie andere Menschen nicht beeinträchtigen. Diese Haltung beeinflusst uns auf verschiedenen Ebenen: Sie verändert unsere Selbstwahrnehmung, unsere sozialen Beziehungen und unsere Einstellung zur Gesellschaft.

II. Kultursensibilität stärkt unsere Selbstwahrnehmung

Kultursensibilität beginnt mit der kritischen Erkundung des eigenen Selbst. Durch Selbstreflexion nehmen wir unsere eigenen kulturellen Teilhaben bewusst wahr: An welchen Kulturen habe ich teil, hatte ich teil? Wie haben mich diese Kulturen geprägt? Was ist mir wichtig? Woher kommen z.B. meine Werte und Normen? Und eine kritische Reflexion geht noch weiter: Habe ich eine Denkweise oder ein Handlungsmuster nur unreflektiert übernommen, oder entspricht es wirklich meinen Werten? Dadurch steckt in einer kritischen Selbstwahrnnehmung ein großes Weiterentwicklungs- und Veränderungspotential.

Durch Wissen über kulturelle Unterschiede entsteht zudem eine innere kulturrelativistische Einstellung. Was das bedeutet, kann ein Beispiel zeigen: Es gibt Menschen, die sehr direkt kommunizieren, alles schnell und ohne Umschweife auf den Tisch bringen. Andere kommunizieren deutlich indirekter, brauchen länger, bis sie Themen ansprechen, wenn überhaupt, senden aber Signale – oft auf nonverbaler oder symbolischer Ebene. Eine kulturrelativistische Einstellung sagt: Beides ist in Ordnung. Hier gibt es kein richtig oder falsch. Es muss nur im Miteinander funktionieren, und das gelingt am besten, wenn man weiß, dass solche Unterschiede existieren, wenn man versteht, wie man selbst tickt, wenn man wahrnehmen kann, wie andere Menschen ticken und ihre Signale hören, und wenn man bereit ist, das eigene Verhalten anzupassen.

Damit wird deutlich: Wissen ist der Schlüssel. Es gibt oft kein richtig oder falsch, kein gut oder schlecht, kein normal oder unnormal, keine fixen Normen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten und Tendenzen, die in bestimmten Gruppen bevorzugt oder weniger gern gesehen werden. Kultursensibilität hat Wertfreiheit als Grundprinzip – solange die Rechte anderer nicht eingeschränkt oder verletzt werden. Durch diese Art zu denken entstehen Freiheitsräume: ein Raum der persönlichen Freiheit und ein Raum der gegenseitigen Freiheit. Ich darf alles hinterfragen, alles durchdenken, mich frei entscheiden. Ich darf mir und anderen gegenüber tolerant sein, vieles ausprobieren, mich darin finden. Wir können im Gemeinsamen Unterschiede, Vielfalt und die vielen Möglichkeiten genießen. Daraus folgt ein Raum der Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen – authentisch und selbstbestimmt.

III. Kultursensibilität stärkt unsere sozialen Beziehungen

Wir Menschen sind, wie der Entwicklungspsychologe Michael Tomasello betont, ultra-soziale Wesen. Wir brauchen einander. Nach der Befriedigung der physischen Grundbedürfnisse stehen soziale Bedürfnisse an zweiter Stelle in der Maslow'schen Bedürfnispyramide. Liebe und gesunde soziale Beziehungen bilden das Zentrum des menschlichen Seins.

Kultursensibilität stärkt unsere sozialen Beziehungen, weil wir entspannter mit uns selbst und anderen Menschen umgehen. Wir können unterschiedliche Denkweisen besser annehmen und damit umgehen. Wir können uns selbst und andere mehr so annehmen, wie wir sind, anstatt uns oder andere in konstruierte Schemata zu pressen. Mit einer kultursensiblen Grundhaltung gestatten wir uns und anderen, unterschiedlich zu sein – daraus entsteht gegenseitige Toleranz. Die kulturelle Selbstwahrnehmung und die Erkenntnis, wie sehr man selbst durch die eigenen Umfelder geprägt ist, führt zu einer respektvollen Haltung: "Auch du bist geprägt von deinen Kulturen." Diese Einsicht führt zu Toleranz und einem Verstehen-Wollen des Anderen. So wie wir in Selbstwahrnehmungsprozessen unser eigenes Verhalten untersuchen und verstehen wollen, wollen wir auch die Verhaltensweisen des Anderen verstehen, anstatt sie zu verurteilen. Je freier man sich selbst gegenüber ist, umso freier kann man anderen gegenüber sein.

Viele Konflikte entstehen aus kulturellen Missverständnissen. Wer kultursensibel handelt, kommuniziert bewusster und respektvoller. Das Wissen über kulturelle Unterschiede hilft zudem, Missverständnisse zu vermeiden, die ohne Klärung und Verstehen zu subtilem Unverständnis oder manifesten Konflikten führen können.

IV. Kultursensibilität auf gesellschaftlicher Ebene: Mehr Miteinander

Wir leben in einer vielfältigen Gesellschaft. Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, Wertesystemen und Traditionen leben eng zusammen. Kultursensibilität ermöglicht es, einander mit Respekt zu begegnen, Missverständnisse zu vermeiden und ein friedliches Miteinander zu gestalten.

Kultursensibilität hilft dabei, unbewusste Vorurteile und strukturelle Benachteiligungen zu erkennen. Wenn wir verstehen, wie unterschiedlich kulturelle Hintergründe den Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung oder beruflichen Chancen beeinflussen, können wir fairere Systeme schaffen und sicherstellen, dass alle Menschen gleichberechtigt teilhaben können.

Die innere Haltung der Toleranz und des Verstehen-Wollens, die Wertfreiheit und der Respekt, die kulturrelativistische Einstellung – "Ich bin nicht das Maß der Dinge, 'normal' gibt es nicht" – wirkt sich nicht nur auf Individual- und Beziehungsebene aus. Langfristig führt diese Haltung zum Aufweichen gesellschaftlicher Fronten. Die Liebe zur Diversität erschafft Freiräume für sich selbst und andere. Sie führt zu einer freien und diversen Gesellschaft, was wiederum zu einer hohen Lebenszufriedenheit beiträgt. Diversität ist ein Merkmal gesunder Gesellschaften – ein Prinzip, das wir auch aus der Natur kennen: Biosysteme sind umso stabiler, je diverser sie sind. Menschen als ultra-soziale Wesen können sich nur voll entfalten, wenn sie sich gesehen, gewollt und geliebt fühlen.

V. Fazit: Kultursensibilität fördert gesunde soziale Beziehungen und dadurch unser Lebensglück

Kultursensibilität trägt grundlegend zu gesunden Menschen und gesunden Gesellschaften bei – auf individueller wie auf gesellschaftlicher Ebene. Die Verbindung mit uns selbst und mit anderen bildet die Basis unseres Glücks. Dabei handelt es sich nicht um oberflächliches Glück, sondern um eine tiefe innere Befriedigung. Dadurch werden Ersatzhandlungen wie die Sucht nach materiellen Gütern und Konsum zunehmend irrelevant. Durch Kultursensibilität finden wir einen guten Umgang mit unseren Unterschieden. So können diese bereichernd wirken, nicht trennend. Kultursensibilität macht das Verbindende wieder sichtbar – und das Verbindende ist das Zentrum, das, was zählt. Das Menschsein kann wieder in den Mittelpunkt gerückt werden. Gemeinsame Ziele, Missionen und Visionen können wieder in den Fokus rücken. Kultursensibilität ist mehr als eine Kompetenz. Sie ist eine Haltung, die uns hilft, in einer komplexen, vielfältigen Welt nicht nur zu überleben, sondern aufzublühen – als Individuen, in unseren Beziehungen und als Gesellschaft.