Egal, ob bei der Arbeit, im Privaten, beim Reisen oder in digitalen Räumen - wir leben in
einer globalisierten Welt und haben ständig mit Menschen mit den verschiedensten
kulturellen Hintergründen zu tun. Dabei stellen wir zwar immer wieder fest, dass
Verbindendes zwischen Menschen viel wichtiger ist als unsere Unterschiede, aber unsere
Unterschiede spielen eben doch eine Rolle. Da wir Menschen unterschiedlich sozialisiert
sind und unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben, denken, fühlen und handeln wir
auch unterschiedlich. Wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, kann das zu
Missverständnissen und Konflikten führen. Um dem vorzubeugen, ist es wichtig, einiges
über unsere – oft unbewussten – kulturellen Prägungen zu wissen. Das setzt allerdings
voraus, dass wir erst einmal ein Grundverständnis davon haben, über was wir hier
überhaupt sprechen und was Kultur eigentlich ist.
1. Definitionen & Herausforderungen des Kulturbegriffs
„Kultur“ ist ein Wort, das sehr häufig benutzt wird – meist ohne ein konkreteres
Bewusstsein für die eigentliche Bedeutung des Begriffs. Fragt man Menschen, was Kultur
ist, dann fallen meist Begriffe wie Nationalität, Migration oder Migrationshintergrund.
Zudem werden häufig Themen wie Traditionen, Gewohnheiten, Werten und Normen,
Essen, Musik, Kleidung usw. genannt. Der Begriff Kultur ist aber eigentlich viel größer. Er
kommt vom lateinischen cultura, was auf das Wort colere zurückgeht, das wiederum
hegen, pflegen, bewahren oder schützen bedeutet (Fuchs 2012: 2).
In einer sehr allgemeinen Definition beinhaltet Kultur alles, was Menschen kreativ
generieren. Dazu gehören materielle, normative und symbolische Kultur sowie alle
Techniken. Die materielle Kultur umfasst alle Objekte, die Menschen herstellen oder
modifizieren. Normative Kultur sind Werte, Normen und soziale Regeln, die wir in unseren
Köpfen haben. Da diese nicht sichtbar sind, sind sie für andere Menschen oft sehr schwer
zugänglich. Symbolische Aspekte von Kultur sind Sinnbilder oder Zeichen, die über sich
selbst auf etwas anderes hinweisen. Das können zum Beispiel unsere Sprache und
Schriftzeichen sein oder Zeichen wie das Herz als Symbol für Liebe oder die weiße Taube für Frieden. Auch Kunst hat einen hohen Symbolcharakter. Kultur beinhalte zudem alle
Techniken, die Menschen im Alltag nutzen. Dazu gehören beispielsweise verschiedene
Arten der Essenszubereitung, Herstellungstechniken von Kleidung oder Architektur.
An dieser Stelle ist es unbedingt notwendig, auch die Herausforderungen des Kulturbegriffs
zu thematisieren (Moosmüller 2000; Sökefeld 2001). Im Prinzip ist der Begriff Kultur
lediglich ein Arbeits- oder Hilfsbegriff, denn kulturelle Beschreibungen und
Zuschreibungen sind immer nur Konstrukte. Sie sind Versuche, Menschen zu
kategorisieren sowie Gruppen und ihre Eigenschaften zusammenzufassen, um die Realität
greifbarer zu machen. Dadurch entstehen „Denk-Boxen“ (z.B. nationale Stereotype), in die
wir Menschen einsortieren, z.B. Deutsche sind soundso, Fußballer soundso, ... . Kulturelle
Zuschreibungen können durch einen unreflektierten Umgang großen Schaden anrichten,
denn nicht alle Deutsche sind gleich, genauso wenig alle Fußballer. Die konstruierte
stereotype Gleichheit existiert gar nicht in unserer diversen und dynamischen Realität.
Menschen sind stattdessen kulturelle Mischwesen (Transkulturalität) und Kulturen sind
zudem dynamisch und verändern sich ständig. Daher wird der Kulturbegriff in einigen
akademischen Disziplinen und vor allem in den Kulturwissenschaften selbst recht
kontrovers gesehen (u.a. Abu-Lughod 1991).
In der akademischen Welt existieren sehr viele verschiedene Definitionen von Kultur. Unterschiedliche Fachrichtungen legen je nach Fragestellung und Quellenlage
unterschiedliche Schwerpunkte. ArchäologInnen untersuchen beispielsweise menschliche
Hinterlassenschaften und ziehen daraus Rückschlüsse auf vergangene Lebenswelten. Für sie spielt
dementsprechend die materielle Kultur eine Schlüsselrolle. SoziologInnen hingegen befassen sich
mit den kulturellen Aspekten des menschlichen Miteinanders, wodurch unser Sozialverhalten im
Mittelpunkt steht. Im Bereich der inter- und transkulturellen Kommunikation geht es vor allem um
„...the collective programming of the mind which distinguishes the member of one group or
category of people from another” (Hofstede et al. 2010: 6). Spencer-Oatey definiert Kultur als
“fuzzy set of attitudes, beliefs, behavioural norms, and basic assumptions and values that are
shared by a group of people, and that influence each member's behaviour and his/her
interpretations of the "meaning" of other people's behaviour” (Spencer-Oatey 2000: 4). Eine weitere
klassische Definition stammt von Kroeber/Kluckhohn: ”Culture consists of patterns, explicit and
implicit, of and for behaviour acquired and transmitted by symbols, constituting the distinctive
achievements of human groups, including their embodiment in artefacts; the essential core of
culture consists of traditional (i.e. historically derived and selected) ideas and especially their
attached values; culture systems may, on the one hand, be considered as products of action, on
the other, as conditional elements of future action” (Kroeber/Kluckhohn 1952: 181, zitiert nach
Spencer-Oatey 2012:2).
2. Kulturtheorien
Im Folgenden werden einige Kulturtheorien beschrieben, die uns helfen, den Kulturbegriff
besser zu verstehen. Frühe Ansätze stellten Kulturen als geschlossene, stabile und
homogene Systeme dar (Kugelmodelle). Sie gehen auf die Ideen Herders zurück, der damit
den „Grundstein der theoretischen Konzeptualisierung der Nationalkultur“ legte (Frank
2015). In diesem Denken gab es z.B. eine einheitliche und stabile deutsche oder
französische Kultur. Meist war damit die deutsche oder französische „Hochkultur“
gemeint, also Kunst-, Literatur oder Musik. Diese Kugelmodelle sind mittlerweile veraltet, da sie nicht der Realität entsprechen. Wir wissen ja inzwischen, Kulturen viel komplexer
sind und solche Sichtweisen zudem zu stereotypen Sichtweisen auf Menschen verleiten.
Leider sind solche Vorstellungen in den Köpfen der Menschen noch immer recht wirksam.
Inzwischen sehen wir Kulturen eher als Netzmodelle. Diese Idee geht auf Cliford Geertz´s
Vorstellung von Kultur als einem „Netz von Bedeutungen“ zurück (Geertz 1987). Kulturen
werden hier als durchlässig, vielschichtig, heterogen, divers, pluralistisch und dynamisch
angesehen. Sie umgeben uns wie Netze, geben uns sozialen Halt und Orientierung. Sie
sind miteinander verflochtene Netzwerke aus verschiedenen einzelnen AkteurInnen,
Institutionen, Normen, Praktiken, Artefakten usw., die in kontinuierlicher Interaktion und im
Austausch stehen.
Zu den bekanntesten Kulturmodellen gehört das Eisberg-Modell von Edward T. Hall (1976).
Der größte Teil eines Eisberges liegt unter der Wasseroberfläche, über der
Wasseroberfläche sind nur circa 10 % zu sehen. Genauso verhält es sich mit kulturellen
Gruppen. Es gibt den leicht erschließbaren, sichtbaren Teil, und dann gibt es den großen
unsichtbaren Teil, die „versteckten Dimensionen“. Wenn wir beispielsweise im Urlaub für
zwei Wochen in einen uns unbekannten Teil der Erde fahren, dann lernen wir in dieser
kurzen Zeit lediglich die Spitze des Eisbergs, also die leicht zugänglichen sichtbaren
kulturellen Expressionen wie Architektur, Essen, Kleidung oder Musik kennen. Um die
unteren 90 % kennen zu lernen, müssen wir allerdings länger dort bleiben und vor allem
viel Zeit mit den Menschen verbringen. Dann lernen wir beispielsweise die Sprache und
Kommunikationsweisen kennen, das lokale Verständnis von Beziehungen und sozialen
Rollen, tiefliegende Glaubenssätze und Wertsystemen, soziale Verhaltensweisen und
Normen.
Die Analogie der Kulturbrille geht bereits auf Franz Boas (1907) zurück, den “Vater” der Kulturanthropologie. Sie beschreibt die Theorie,
dass jeder Mensch die Welt nur durch seine eigene, kulturell gefärbte Brille wahrnehmen
kann. Die Farbe der Brillengläser ist abhängig von den eigenen Erfahrungen und der
eigenen Sozialisation, den eigenen kulturellen Teilhaben. Eine objektive Wahrnehmung der
Realität ist also schlichtweg nicht möglich. Dieser Subjektivität werden wir uns meist erst
durch die Begegnung mit anderen Menschen und ungewohnten Denk-, Fühl- und
Handlungsmustern bewusst.
Das Konzept der Transkulturalität (Welsch 2010) kann am besten im Vergleich mit dem
Konzept der Interkulturalität beschrieben werden. Inter bedeutet zwischen, interkulturell
bedeutet also zwischenkulturell. Hier entstehen schnell dem Ballmodell ähnliche
Kulturbilder, also von Kulturen als statische, stabile und homogene Systeme, zwischen
denen etwas stattfindet. Eine solche Sichtweise kann schnell zu Abgrenzung, dem
Hervorheben von Differenz und sogar Isolierung führen. Trans hingegen bedeutet hinüber
oder hindurch. Hier wird betont, dass es sich bei Kulturen um hybride und flexible Systeme
ohne klare Grenzen handelt, die sich durchdringen und in ihrer prozesshaften
Verschiedenartigkeit miteinander verschmolzen sind. Ein solcher Kulturbegriff bietet
deutlich mehr Schutz gegen Ausgrenzung, Diskriminierung, Ethnozentrismus oder
Othering. Allerdings wird an dieser Sichtweise kritisiert, dass wichtige, alltagsrelevante Unterschiede banalisiert werden, dass sie eine Tendenz der Uniformierung fördern (z.B. in
Form „westlicher“ Konsumgüter, einheitlicher Informationen oder einer „Weltkultur“) und,
dass ökonomisch politische Machtprozesse treibende Kräfte der Transkulturalisierung sind
(Graef-Calliess 2018; Welsch 2010).
3. Kulturelle Diversität
Um den Kulturbegriff richtig zu verstehen, müssen wir einen Blick auf die kulturelle
Diversität unserer Lebenswelten werfen. Kulturelle Diversität beschreibt die Koexistenz
verschiedener kultureller Ausdrucksformen innerhalb einer Gesellschaft oder eines
globalen Kontextes. Sie umfasst Unterschiede in Sprache, Religion, ethnischer
Zugehörigkeit, Traditionen, Weltanschauungen, u.s.w. . Sie ist ein zentrales Merkmal der
Globalisierung und moderner Gesellschaften, die durch Migration, internationale
Kommunikation und die zunehmende Vernetzung von Märkten geprägt sind (Apppadurai
1996).
Unsere heutige Lebenswelt ist geprägt von einer Vielzahl von Kulturen. Neben den oft
assoziierten nationalen oder ethnischen Kulturen existieren viele wichtige, alltagsrelevante
Kategorien von Kultur wie z.B. Geschlechterkulturen, Alterskulturen,
Generationenkulturen, religiöse oder regionale Kulturen, Familienkulturen, Schulkulturen,
Unternehmenskulturen, Berufskulturen, Vereinskulturen, Musikkulturen , u.s.w. . Das sind
nur einige Beispiele, diese Liste könnte noch um einige Kategorien erweitert werden. Im
Prinzip entstehen innerhalb aller menschlichen Gruppen, die über einen längeren Zeitraum
bestehen, kulturelle Gemeinsamkeiten und dementsprechend Unterschiede zu anderen
Gruppen.
4. Kultur und Identität
Identität ist weder angeboren noch stabil. In seiner Identitätstheorie betont Stuart Hall,
dass Identität sozial und kulturell konstruiert wird und sich genauso wie die Welt um uns
herum in einem ständigen Transformationsprozess befindet (Hall 2015). Sozialisation ist
gleichzeitig Enkulturation. Jede und jeder von uns wächst in kulturell hybriden sozialen
Umgebungen auf und internalisiert im sozialen Miteinander verschiedenste
kulturspezifische Denk-, Fühl-, und Verhaltensmuster, z.B. Werte & Normen, explizite und
implizite soziale Regeln, Sprache oder nonverbale Kommunikation.
Durch daraus entstehende Übereinstimmungen konstruieren Menschen gemeinsame ihre
soziale Wirklichkeit (Berger/Luckmann 1967). Ein gutes Beispiel für die Konstruktion einer
sozialen Wirklichkeit ist Geld. Kämen wir von einem anderen Stern wüssten wir nicht, was
diese kleinen Metallmünzen und die Papierstückchen eigentlich sind. Sie können nämlich
nur wirksam sein, indem alle Menschen an ihren Wert glauben (Harari 2014: 157ff). Das ist
nur ein kleines, und vor allem global wirksames Beispiel einer gemeinsam konstruierten
Realität, aber wenn wir genauer hinsehen, ist unser ganzer Alltag voller kleiner
gemeinsamer konstruierter Realitäten. Denken wir nur an verschiedene Sprachen und die
Bedeutungskonzepte von Wörtern (z.B. Ideen wie „Siesta“, „Zeitgeist“ oder Familie), an
verschiedene Verständnisse von sozialen Rollen (beispielsweise ist das Verständnis der
Vaterrolle nicht überall gleich) oder Institutionen und ihre Funktionen.
Auf der Individualebene sind wir also Alle Teil verschiedener kultureller Gruppen, gehören
also verschiedenen Kulturen an und sind so kulturell hybride dynamische Mischwesen. Der
Begriff der Multikollektivität beschreibt, dass „die multiplen und vielfältigen
Zugehörigkeiten des Einzelnen ein konstitutives Element menschlicher Existenz bilden“
(Rathje 2014: 42). Als Beispiel können wir von Shanti erzählen. Sie wurde in Israel geboren,
lebt seit vielen Jahren in Berlin und studiert dort Geschichte. Sie wohnt in einer
Wohngemeinschaft und arbeite in einem italienischen Restaurant. Shanti ist bisexuell und
in ihrer Freizeit besucht sie gerne Punk-Konzerte. Wenn es die Zeit und der Geldbeutel
erlauben, ist sie in den Semesterferien als Backpackerin unterwegs. Shantis kulturelle
Teilhaben bleiben außerdem nicht lebenslang gleich, sondern sind immer dynamisch und
flexibel. Treffen wir sie beispielsweise fünf Jahre später, hat sie sich in einer Beziehung
eingerichtet und ist Mutter geworden, lebt mit ihrer kleinen Familie in einer Wohnung im
schwäbischen Tübigen, ist halbtags Mama und arbeitet die andere Hälfte des Tages in
einem Geschichtsarchiv. In ihrer Freizeit ist sie mit Kind und Hund und Freundinnen
unterwegs und besucht regelmäßig einen Yogakurs.
Jede Kultur, an der wir teilhaben, prägt uns. Dies führte zu verschiedenen Phänomenen:
Zum einen sind wir alle Kultur-Chamäleons: Wir sind in der Lage, uns ständig an
verschiedene kulturelle Kontexte anzupassen. Wir verfügen über komplexe
Adaptationsmechanismen (Northoff 2009). Beispielsweise passen wir unsere Kleidung
verschiedenen Situationen an, die Themen, über die wir sprechen, unsere Körpersprache,
usw. ... . Zudem findet durch die Teilhabe an verschiedenen Kulturen auf der
Individualebene eine Hybridisierung statt: In verschiedenen Lebensaspekten vereinen wir
die verschiedenen kulturellen Einflüsse, z.B. übernehmen wir Wörter aus anderen
Sprachen, haben das Lieblingscurry unserer letzte Thailandreise neben dem spanischen Paella-Gewürz und den Kräutern der Provence in unserer Gewürzkiste und außerdem einen
Stilmix aus unseren verschiedenen Lebensepochen im Kleiderschrank. Darüber hinaus
können Menschen Transkulturen bilden, beispielsweise wenn eine Familie von einem Land
in ein anderes migriert und innerhalb dieser Familien beide nationalen Kulturen gemischt
werden, beispielsweise beide Sprachen oder kulinarische Aspekte vermischt werden.
Schlussfolgerungen
In diesem Artikel wurde gezeigt, dass „Kulturen“ Konstrukte sind, die Menschen nutzen,
um verschiedene Gruppen und ihre Eigenschaften greifbar zu machen. Zudem ist Kultur
viel mehr, als nur die alltägliche Assoziation mit Nationalität oder Ethnizität. Unsere
Lebenswelt besteht aus einer Vielzahl von kulturellen Teilhaben (Multikollektivität), z.B.
Familienkultur, religiöse Kultur, Sprachkulturen, ... . Wir sind also alle kulturelle
Mischwesen. Unsere kulturellen Teilhaben sind zudem nicht statisch, sondern ein Leben
lang dynamisch. Jede kulturelle Teilhabe prägt uns und hinterlässt Spuren in unserem
Denken, Fühlen und Handeln.
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